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„Sie riecht Gott!“

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Bei der Ausbildung eines Assistenzhundes wird besonders viel Wert daraufgelegt, dass der Hund sich an so viele Alltagssituationen wie nur möglich gewöhnt. Die AfA hat uns eine Liste zukommen lassen, mit Orten und Ereignissen, die wir Lia bis zu ihrem 6. Lebensmonat gezeigt haben sollten. Darauf steht u.a. Fußgängerzonen, Bahnhöfe, Restaurants, Flughäfen, Volksfeste, Tierparks und Spielplätze. Mich hat diese Liste zwar beeindruckt, aber in erster Linie breit grinsen lassen. Immerhin hatte man so jede Menge tolle To Do’s auf der Familienausflugsliste stehen.

Lia hatte schon kleine Auftritte im Supermarkt und beim Bäcker, aber die richtig große Nummer stand ihr diesen Sonntag bevor: Konfirmation. Die Tochter meines Verlobten wurde konfirmiert und da wir auf dem Land leben, ist das hier auch eine richtig große Nummer. Die Kirchen sind bis auf den letzten Platz randvoll mit fotografierender und filmender Verwandtschaft und das ganze Event wird ähnlich zelebriert wie eine Hochzeit. Für meinen Verlobten und mich stand fest, dass Lia da auf jeden Fall mit dabei sein muss. Also zogen wir ihr ihre „Assistenzhund in Ausbildung“ Jacke an und marschierten los. Vorab packte ich meinen riesigen Shopping Bag allerdings mit ähnlicher Sorgfalt wie eine Wickeltasche (Kotbeutel, Decke, Spielzeug, faltbarer Trinknapf, Leckerlies und und und) und prüfte ob mein Schuhwerk auch dazu taugte, über den Rasen zu rennen. Check.

Kaum auf dem Kirchplatz angekommen, bildete sich eine kleine Menschentraube um uns: Alle wollten Lia begrüßen. Sie ließ sich schwanzwedelnd von Jung und Alt streicheln und schnupperte höchst interessiert am alten Kirchengemäuer. „Sie riecht Gott!“ witzelte ein älterer Mann irgendwo hinter mir und ich hatte mittlerweile so einen Respekt vor der Intelligenz dieses Tieres, dass ich dem ohne Wiederworte zugestimmt hätte. Wenn es einer kann, dann Lia. Während des 1,5 stündigen Gottesdienstes war es oft laut und unruhig, doch Lia lag wie selbstverständlich auf ihre Decke zu meinen Füßen und hatte vermutlich noch den Geruch von Gott in der Nase.  Beim Auszug aus der Kirche nahm ich sie auf den Arm, aus Angst sie würde vielleicht auf den Kirchenboden pinkeln nach dem langen Nickerchen. Aber ihre Blase war wirklich schon erstaunlich belastbar, daher hatte sie es kaum eilig. Danach ging es mit der ganzen Familie im Schlepptau in ein Restaurant und auch da stolzierte sie wie selbstverständlich in den großen Saal, suchte sich einen Platz in der Ecke und schlief. Erst als alle satt waren und die Kinder langsam unruhig wurden, erwachten auch die Lebensgeister bei Lia und sie jagte mit den Kindern über die Wiese.

Immer wieder bauten wir auch hier Trainingseinheiten ein: Sitz, Platz, Tabu – Belohnung.

Am Ende des Tages ging es zurück nach Hause, dort wartete Murphy geduldig auf seiner Decke und schien sich zum ersten Mal auch darüber zu freuen, Lia wiederzusehen. Die beiden tobten ausgelassen im Garten mit den Nachbarskindern und in meinen Kopf schlich sich der Gedanke, was für eine spießige Bilderbuchfamilie wir doch waren. Und mir gefiels.

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